Brusttor der Überzeugung

Folgenden Ticker von Lucas Vogelsang hab ich auf 11freunde.de gefunden. Zu lesen von unten nach oben, einfach zum Brüllen… :)

Hertha BSC feiert wieder einmal eine typische Hertha-Party: ohne Alkohol, ohne Musik, ohne unnötige Gefühlswallungen. Und am Ende gehen alle nüchtern aber gut gelaunt nach Hause. Favre tanzt den Hoeneß und lächelt so entrückt, als hätte er gebröselte Toblerone geraucht. Denn auch er weiß: Mit jeder Woche wird es ein Spieltag weniger.

Ich geh jetzt mit Josip Simunic das Brandenburger Tor blauweiß anmalen und den Balkon am Roten Rathaus vermessen.

Gute Nacht!

90. +1
Abpfiff. Hertha bleibt mit vier Punkten Vorsprung Tabellenführer. 89 Minuten kultiviertes Warten und ein ukrainsiches Brusttor haben gereicht, um erneut mit einem Tor Vorsprung zu gewinnen.

89.
Stehende Ovationen in Berlin: Wäre heute Saisonende, wäre Hertha Meister. Und die Leverkusener sehen immer noch so aus, als wunderten sie sich, warum immer noch gespielt wird.

87.
Babic kommt. Damit stehen bei Hertha mehr Leverkusener auf dem Platz als bei Leverkusen. So gesehen auch ein Sieg für Rainer Calmund! Guten Appetit!

85.
Freundschaftsspiel-Atmosphätre im Olympiastadion: Favre verhilft Kacar zum Comeback und Labbadia bringt diverse Jugendspieler. Insgesamt darf ungefähr noch drei- bis vier mal gewechselt werden. Ganz egal.

82.
Mathematik-Rodeo in der Premiere-Sprecherkabine. Reif rechnet ganz ohne das Hilfsmittel Zahlenstrang die Tabellenkonstellation bei einem Hertha-Sieg vor. Vier Punkte vor. Und: “Es wird jede Woche ein Spieltag weniger.” Reif stimuliert sein Gehirn mit einem Q-Tip.

80.
Das Spiel ist fast gelaufen. Bleibt nur noch die Frage zu klären, wer aus einem Kopfnuss-Duell zwischen Vinnie „the ax“ Jones und Josip „die Natter aus Canberra“ Simunic als Sieger hervorgehen würde. Antwort: Leukoplast!

77.
Das Niveau des Spiels hat sich dem Kommentator angepasst. Oder umgekehrt. Vor fünf Minuten haben ein paar Ordner die Tore weggetragen. Adler und Drobny sind gemeinsam duschen gegangen. Gemerkt hat es keiner.

75.
Marcel Reif bereitet die ersten beiden Wechsel der Leverkusener vor. Sascha Dum wird kommen und Toni Kroos, Labbadias Lieblingseinwechselspieler. Kroos in dder Jokerrolle. Das hätte er auch bei Bayern haben können. Nur mit bequemeren Sitzschalen.

72.
Wieder ein Fehlpass von dem lustigen Wildcard-Gewinner, der heute im Trikot von Renato Augusto auflaufen durfte. Reif raunt: “Ohne Worte.” Gibt damit aber ein Versprechen, das er zu halten nie in der Lage sein wird.

69.
Weiter geht die wilde Fahrt des blauweißen Absurditätenballs. Raffael und Voronin hinterlaufen sich selbst. Ergebnis dieser Finte:  Aus der Sicht von Henrique und Castro wirkt es jetzt so, als spiele Hertha mit vier Stürmern.

67.
Zwölf Leverkusener verstecken sich vor Andrej Voronin, der sich mittlerweile einen Spaß daraus macht, seine eignenen Laufwege zu kreuzen. Sinkiewicz ist verwirrt, plumpst in Emryonalstellung auf den Rasen.

65.
Die Leverkusener haben sich aufgegeben, spielen nun die ersten zwanzig Minuten der Partie nach.

61.
Hertha im Angriff. Neun Mann bleiben in der eigenen Hälfte. Nur Voronin ist vorne. Adlers Blick sagt jedoch: Das reicht! Leverkuseners Torhüter pantomimt Angst.

59.
Sebastian Hellmann ruft an, sagt: “Nein!” Will mir irgendwas von EA Sports andrehen. Redet von Provision. Ich lege auf und widme mich wieder dem Leverkusener Jump ‘n’ Run: Nicht mal Atari-Niveau. Favre spielt Tetris. Sein Co summt die passende Melodie.

57.
Merkliches Aggressionspotenzial in der Partie. Sind Videospiele schuld?

55.
Böses Foul von Ebert an Kadlec. “Ein unappetitliches Foul” kiekst der Kommentator formally known as Koryphäe.

53.
Bayers verlorene Jungs verfallen in die Trotzphase, antworten mit wenig durchdachtem Kopfdurchdiewandball.

51.
Randnotiz: Hoeneß zieht seine Ballettschuhe an.

50.
Egal. ganz Egal. TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! Voronin zeigt den Leverkusenern, was es bedeuet, wenn ein Stürmer einen Lauf hat. Billiardtor mit der Brust. Der Ukrainer erzielt seinen achten Treffer in den letzten sechs Spielen. Dann dreht er ab und rennt zur Bank, lässt sich von Pantelic mit einer heißen Nadel und Lamy-Tinte in kyrillischen Schriftzeichen das Wort “Effizienz” auf den Hals tätowieren. Arm aber sexy!

48.
“Der Schiedsrichter ist Luft”, fabuliert Reif. Manchmal wünschen wir uns, Reif wäre Schiedsrichter.

47.
Raffael taucht plötzlich allein im Strafraum auf, doch Adler hält. Damit hat Hertha in diesem Spiel nun schon mehr Großchancen vergeben, als in allen anderen zusammen. Nämlich drei.

46.
Wiederanstoß. Immer noch 0:0. Reif wirft hin, will ab jetzt nur noch Curling kommentieren.

Ein kurzer Blick in die Kabinen: Bruno Labbadia bastelt an einer verwegenen Abwandlung der Krombacher-Taktik, will mit drei Viererketten spielen. Kein Spieler widerspricht. Bayer jetzt zu zwölft. Derweil zeigt Lucien Favre als zusätzlcihe Motivationsmaßnahme die Aufzeichnung von “Schlag den Star” mit Stefan Effenberg. Denn: Vom Tiger lernen, heißt siegen lernen. (Gilt nicht für Quizshows).

HALBZEIT

45. +1
Abpfiff. 0:0. Ein Spiel ohne Fußball. Labbadia klettert entnervt auf die Tribüne, wirft Falko Götz das Trikot von Charisteas zu, will in der zweiten Hälfte auf volle Offensive setzen. Favre reagiert und läuft sich warm.

45.
Lucien Favre wirkt trotzdem gelöst. Seine Reiskorntaktik ist aufgegangen: Die Leverkusener schwitzen schon, während wie blauweißen Trikots noch so knitterfrei sind, wie die Hemden aus der Oliver-Bierhoff-Kollektion.

44.
Voronin und Nicu versuchen, sich gegen acht Leverkusener zu behaupten. Scheitern aber wie zwei Nerds beim Ausscheidungstraining für das College-Football-Team.

42.
Ein Spiel mit weniger Chancen als das Prekariat.

40.
Voronin wirkt inmitten der Leverkusener Abwehr so verloren und deplatziert wie Stefan Effenberg in einer Literatur-Quizshow. Darf nicht mal jemanden anrufen. In Comicsprache: “Schluchz!”

38.
Kießling gewinnt ein Kopfballduell gegen Simunic, verfehlt das Tor aber ganz knapp. Simunic holt eine Polaroid-Kamera aus seinem Schlüpfer und fotografiert Kießling im Close-Up, dann heftet er das Bild an den Pfosten. Die Ansage ist eindeutig. Kießling macht die Wechselgeste. In Comicsprache: “Schluck!”

35.
Voronin peitscht sich in den Bayer-Strafraum, muss aber erkennen, dass Leverkusen nicht Cottbus ist und bleibt hängen. Anschließend verfällt er wieder in die Appetenzstarre seiner Teamkollegen.

33.
Rodnei, der irgendwie immer auch an eine Kreuzung zwischen Sammy Kuffour und einem ausgewachsenen Vogel Strauss erinnert, zerpflügt die linke Seite. Ist schon in Strafraumhöhe. Dann fällt ihm auf, dass Leverkusen in Ballbesitz ist und er trottet zurück in die eigne Hälfte.

30.
Reif moniert die Höhepunktarmut des Spiels. Ihm ist das Gesicht eingeschlafen. Hätte er nicht auf Anraten seines Arbeitgebers das Räusperknöpfchen wieder entdeckt, man würde es jetzt fleischig klatschen hören. Dann widmet er sich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung: Die Aussprache von Lateinvokabeln bei laufendem Spiel üben. qed.

28.
Beide Teams spielen jetzt quer. Sieht aus wie eine Einheit “Pulle” beim Katertraining einer Kneipenmannschaft aus Wilhelmsruh. Nur ohne Nazis an der Seitenlinie.

25.
Dardai sucht die BILD-Meisterschale, findet aber nur einen Schneidezahn von Axel Kruse. Ist enttäuscht und leitet geistesabwesend einen Konter der Leverkusener ein.

23.
Herthas Spiel wirkt noch immer wie ein Stilleben aus der IKEA-Bildergalerie mit Rahmen. Leverkusen macht auf Picasso. Labbadia will seinen ohne Zucker. Lucien Favre schaut ihn mitleidig an.

20.
Erste Ecke für Leverkusen. Angeblich Handspiel von Rodnei. Raffati winkt ab. Helmes (hysterisch) will alle Spieler zwingen, die Szene noch einmal in langsam nachzuspielen. Simunic macht den Scheibenwischer. Situation geklärt.

16.
Hertha übt den letzten Pass, wirkt aber alles noch so albern, wie Ü40-Frauen, die sich Hello-Kitty-Aufkleber auf ihre bunten Umhängetaschen kleben.

14.
Erste Halbchance für Hertha. Aber Raffael immitiert die Bühnenpräsenz Pantelics und läuft sich in der leverkusener Viererkette fest, anstatt auf Voronin zu spielen, der im freien Raum so manisch winkt wie eine manische Winkerkrabbe. Umsonst.

12.
Lucien Favre überträgt die Koordinaten des Spielfelds auf ein Reiskorn, schnippt es in Richtung Labbadia.

10.
Ein Spiel, wie wir es erwartet haben: Leverkusen spielt No Look Doppelpässe mit dem Absatz und wahlweise auch mit der Unterlippe. Hertha wartet.

8.
Reif kegelt mit Floskeln. Die Sportredaktion der BZ schreibt mit. Noch fünf Minuten und sie haben alleÜberschriften für die kommende Woche.

5.
Simunic läuft heiß, verkrampft sein Gesicht zu einer Zweikampffratze. Helmes hält Sicherheitsabstand. Besser so.

3.
Erste zaghafte Annährungen. Noch nicht viel los. Deshalb an dieser Stelle ein kleines Suchspiel. Die BILD-Zeitung hat irgendwo auf dem Platz eine Miniatur-Meisterschale vergraben. Wer sie findet, darf sie behalten.

1.
Erst Amokgedenkminute, dann Fußball. “Ein Spagat” findet Reif, macht eine Rückwärtsrolle und landet im Telemark. Der Auftakt ist gelungen.

15:30 Uhr
Schweigeminute. Auch für Reif. Dann Anpfiff.  Noch 0:0.

15:28 Uhr
Reif erinnert von Spiel zu Spiel mehr an eine dieser ominösen Großtanten aus 50er-Jahre Defa-Filmen. Reif, Torte, Teeservice. Vielleicht eine Idee für eine neue Talkshow im Dritten. Sendeplatz: Irgendwann Sonntags um die Mittagszeit.

15:27 Uhr
60.000 Zuschauer im Olypiastadion. Lucien Favre lobt den Gegner, Labbadia auch. Dieter Nickles ist verwirrt, gibt ab an Reif, der sich selbst loben wird. Bis zum Abpfiff.

15:25 Uhr
Freizeit-Medium Hellmann interviewt den Teamgeist von Hertha BSC. Bierhoff gruselt sich, versteckt sich hinter dem Monitor, sucht in seinem Handy nach der Nummer von Dr. Peter Venkmen. Vergeblich.

15:20 Uhr
Sebastian Hellmann und Oliver Bierhoff sehen aus wie aus einer P&C-Wurfsendung ausgeschnittene Jackett-und-Oberhemden-Modells. Faltenfrei der Anzug, faltenfrei auch das Gesicht. Warten auf Barbie.

15:18 Uhr
Unentschieden im Lächel-und Zähnezeigen-Kontest zwischen Bierhoff und Hoeneß dem Jüngeren. Kurz schien es so, als hätte Dieter seinen Bruder Uli mit zum Interview gebracht. Doch der zweite Blick verrät: es ist nur der runde, sehr dunkelrote Premiere-Mikrofonpuschel. Verblüffend.

15:15 Uhr
Im Premiere-Studio herrscht ausgelassene Stimmung: Dieter Hoeneß (noch verschwitzt vom Tänzchen in Cottbus) hat sich als Elliott das Schmunzelmonster verkleidet und grinst mit Premiere-Experte und Modemanager Oliver Bierhoff um die Wette, hat Ballettschuhe dabei. Für alle Fälle.

15:00 Uhr
Willkommen zu einer neuen Auflage der Dieter-Hoeneß-Festspiele live aus dem Berliner Olympiastadion. Tabellenführer Hertha BSC. Stop. Das klingt so seltsam fremd und gleichzeitig so ausgedacht schön, dass es gleich noch mal geschrieben werden muss. Also: Tabellenführer Hertha BSC. Und noch einmal für Dieter Hoeneß: Tabellenführer Hertha BSC empfängt Bayer Leverkusen zu einem frühlingshaften Reigen von ganz besonderer tabellarischer Brisanz.

Gewinnt die Hertha, wird Josip Simunic noch heute Abend die erste Säule des Brandenburger Tores blauweiß streichen und die Berliner sind endgültig der Topfavorit auf den Titel. Gleichzeitig muss  Bruno Labbadias Verein junger Männer in Berlin auf Sieg spielen, um den Kontakt zur Spitzengruppe nicht zu verlieren. Kein ganz einfaches Unterfangen.

Denn auch Labbadia weiß: in dieser Saison gegen Hertha BSC zu spielen, entspricht einem Bad in Zement. Favres Mannschaft spielt bösartigen Rationalball mit der Effizienz eines russischen Inkassounternehmens und ihr Spiel wirkt dabei ständig wie das fußballerische Äquivalent zum Appetenzverhalten des bärtigen Drachenkopfs (-> Riffjäger, der), einem Meister des Jagens durch zermürbendes Warten auf einen Fehler der Beute. In stoischer Ruhe verharren die Berliner in ihrem Spiel der perfekten Schweizer Arithmetik, teilen den Rasen in Planquadrate, summen zum Zeitvertreib ein Lied, holen vielleicht einen Einwurf heraus, verfallen jedoch nie in kontraproduktiven Aktionismus. Während sich der Gegner durch obsoletes Anrennen und manisches Chancenherausarbeiten verausgabt, warten sie auf den einen entscheidenden Moment. Dann fahren sie ihre giftig-langhaarige ukrainische Fangzunge aus und packen zu.

Nun trifft dieser blauweiße Bermuda auf Bayers drollige Frischlinge (manchmal auch: tollende Häschen oder ballverliebte Rehkitze), die in ihrer schier unerschütterlichen doch bisweilen völlig überkandidelt wirkenden Spielfreude ziemlich genau in das Beuteschema von Favres rationalen Punktejägern passen.

Auf den ersten Blick deutet also alles auf einen Nachmittag mit dem Gemetzelpotenzial einer Lemminggroßfamilienfeier hin.

Doch so einfach ist das nicht. Denn Bayer Leverkusen ist nach Cottbus Herthas schlimmster Alptraumgegner. Die Pillendreher von der anderen Seite des Rheins haben vier der letzten fünf Spiele im Olympiastadion für sich entscheiden können. Meist haben sie die Gastgeber dabei vorgeführt, gedemütigt, abgewatscht. Herthas letzter Heimsieg gegen Leverkusen fiel dann auch in etwa in die Pubertätsphase des Bayerkaders. Zudem ist die Kindergarten- spaßkapelle von Dressman Labbadia die auswärtsstärkste Mannschaft der Bundesliga und hat in Patrick Helmes auch längst einen neuen Rudi Völler in ihren Angriffsreihen.

Der Ausgang dieses Spiels zwischen der Leverkusener Hüpfburgbrigade und den Berliner Uhrwerkpragmatikern ist also völlig offen.

Unsere Prognose: Lässt sich Patrick Helmes bis zum Anpfiff einen Völlergedächtnisschnauz stehen, gewinnt Bayer. Gelingt es jedoch Lucien Favre, seinen Spielern auch noch die Fähigkeit der chamäleonhaften Rasencamouflage anzutrainieren, entscheiden die Berliner heute die Meisterschaft.

Seid dabei! Nach nur einem Spot geht’s weiter.

Wird der Ur-Spandauer und Ticker-Guru Lucas Vogelsang am Samstag nach einem Viererpack von Voronin vor Freude ein Konfettibad nehmen? Oder wird er sein aufgeklebtes Herthinho-Arschgeweih abkratzen, weil Patrick Helmes wieder den Gerd Müller macht, und Drobny merkt, dass er doch nicht Oliver Kahn ist, sondern eben nur: Drobny.

Sicher ist: Frank Zander und Herthinho werden über den Rasen wackeln, geistreiche Dinge verkünden (Zander), seltsame Moves machen (Herthinho) bzw. einfach gut aussehen. Ein Krawall-und-Remmidemmi-Dampfer der sehr (bzw.: zu) guten Laune.

Ab 15:15 Uhr an den Tasten, die den Titel entscheiden: Lucas Vogelsang und Frank Zanders Ex-Co-Moderator bei »Spaß am Dienstag«: der Miesling.

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